8. Juni 2021

Die „Heilenden Klassenzimmer“ machen weiter

Klaus Tschira Stiftung und International Rescue Committee setzen Pilotprojekt an Berufsschulen in der Rhein-Neckar-Region um und erweitern es um ein Mentoring-Programm

Heidelberg, 8. Juni 2021. Neues Land, neue Sprache, neue Schule, und dann noch Fluchterfahrungen verarbeiten. Das sind enorme Herausforderungen für Jugendliche – und für ihre Lehrkräfte. „Healing Classrooms“ (auf Deutsch „heilende Klassenzimmer“) heißt deshalb ein 2018 in der Metropolregion Rhein-Neckar an Berufsschulen gestartetes Programm des International Rescue Committee (IRC), dessen erste Phase jetzt erfolgreich abgeschlossen und in ein Mentoring-Programm für neuzugewanderte Jugendliche an Berufsschulen überführt wurde. Beide Projektphasen werden durch die Klaus Tschira Stiftung (KTS) ermöglicht.

„Besonders wichtig ist uns die Unterstützung von Berufsschulen, deren wertvolle Arbeit leider oft zu wenig Beachtung erfährt“, sagt Beate Spiegel, Geschäftsführerin der KTS, und weiter: „Uns liegt die Förderung von geflüchteten Schülerinnen und Schülern sehr am Herzen. Mit der Unterstützung durch Lehrkräfte und durch Mentoring haben sie die Chance, ihr Potenzial zu entfalten – in Gesellschaft, Wirtschaft und Wissenschaft.“

Damit Jugendliche mit Fluchterfahrung in Deutschland ankommen können, ist Bildung unabdingbar. Copyright IRC/David Debrah

Das Konzept der „Healing Classrooms“ basiert auf 30 Jahren Erfahrung der humanitären Hilfsorganisation IRC in der Bildungsarbeit und wird seit 2017 auf den deutschen Kontext übertragen. Es lässt das „Klassenzimmer“ zu einem sicheren, vertrauten Ort für Kinder und Jugendliche werden, um ihren Stress zu reduzieren, zu lernen und eigenverantwortlich an der Gesellschaft teilzuhaben.

Mehr als 100 Fachkräfte an Berufsschulen wurden in den vergangenen drei Jahren befähigt, ihre Schülerinnen und Schüler zu stärken und gleichzeitig Risikofaktoren zu reduzieren. Sie selbst profitierten von einem interaktiven Weiterbildungsprogramm, das konkrete Anwendung im Unterricht erlaubte.

Dazu kommt jetzt das Mentoring-Programm. Hintergrund ist die Erfahrung, dass neuzugewanderte Jugendliche oft keine Vorbildfiguren mit ähnlichem Werdegang und Hintergrund haben. Häufig fehlt ihnen so genanntes Systemwissen, um einen für sie geeigneten Beruf zu wählen und den Weg dahin mit konkreten Schritten zu gehen. Ihre zunächst oft hohe Bildungsmotivation im Hinblick auf die Arbeitswelt verpufft. Das soll durch das Programm verhindert werden.

Es braucht Menschen, die an einen glauben. Copyright IRC/David Debrah

Mentorin oder Mentor sind ältere, erfahrenere Personen (oft selbst mit Migrations- oder Fluchterfahrung), die in der Region leben sowie beruflich und sozial erfolgreich sind. Ziel ist es, neuzugewanderten Jugendlichen Orientierung, Unterstützung und Ermutigung zu bieten, die sie anderweitig nicht bekommen. Mangelt es an einem sicheren und stabilisierenden Umfeld, so die Erfahrung, dann ist auch bei großer Begabung konzentriertes Lernen nicht möglich.

Wie könnte das aussehen?

Ein Beispiel ist Omars Weg: Der 17-Jährige, der 2015 mit seinen Eltern aus Syrien flüchtete, ist talentiert, wissbegierig, und er will vorankommen. Sein Traum ist es, eines Tages als Arzt zu arbeiten. Nun ist er in der Berufsschule angekommen und merkt schnell: viel zugetraut wird ihm nicht. Ihm fehlt eine Perspektive, selbst eine Pflegeausbildung scheint unerreichbar. Seine Klassenlehrerin versucht in den Einstiegswochen ihr Bestes, um ihn zu unterstützen. Doch er fragt sich mehr und mehr, was diese Schule ihm bringen soll, wann er endlich Geld verdienen wird und warum er so viel Energie aufbringen soll, für etwas, was ihn seinem Ziel kein bisschen näherbringt. Omar braucht außerhalb des Klassenraums eine unterstützende Person, die sein Talent sieht, seine Fragen beantwortet, ihm zuhört und Perspektiven aufzeigt. Damit sein Traum von der Arbeit in Medizin und Pflege Wirklichkeit werden kann.

Insgesamt 50 Jugendliche wie Omar, die ambitioniert sind und eine vielversprechende Zukunft haben, sollen durch 50 vom IRC in der Region rekrutierte und geschulte Mentorinnen und Mentoren im gesamten ersten Berufsschuljahr begleitet werden. In regelmäßigen Treffen können die Jugendlichen von ihrem Alltag berichten, ihre Sorgen teilen, ihre Ideen entwickeln und schrittweise umsetzen. Das Mentoring-Paar entwickelt kurz- und langfristige Ziele für das gesamte Schuljahr und trifft sich auch außerhalb der Schule, um lokale Netzwerke der gesellschaftlichen Teilhabe zu knüpfen. Die IRC-Fachkräfte begleiten den Mentoring-Prozess und unterstützen, wo es nötig ist. Denn, so wissen sie, um erfolgreich in einem neuen Land Fuß fassen zu können, braucht es jemanden, der an einen glaubt.

 

Kontakt:

Klaus Tschira Stiftung

Kirsten Baumbusch

Kommunikation

Schloss-Wolfsbrunnenweg 33

69118 Heidelberg

Telefon: +49 (6221) 533-177

Mobil: +49 (151-54317995

E-Mail: kirsten.baumbusch@klaus-tschira-stiftung.de

 

International Rescue Committee (IRC) Deutschland

Christine Andersen

Partnerschaften mit Stiftungen

Wallstraße 15 A | 10179 Berlin | Niederlassung Bonn: Friedrichstr. 57 I 53111 Bonn

T (Berlin) +49 (0)30 5520 4697 | T (Bonn): +49 (0)228 9296 7981 I M +49

0176 34572568

E-Mail: Christine.Andersen@Rescue.org

 

Hintergrund:

 

International Rescue Committee:

International Rescue Committee (IRC) ist eine internationale Hilfsorganisation, die 1933 auf Anregung von Albert Einstein gegründet wurde. Seitdem unterstützt IRC Menschen, die vor politischen Krisen, Krieg, Verfolgung oder Naturkatastrophen fliehen müssen. In Deutschland ist IRC seit 2016 präsent. Mehr als 100 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter engagieren sich hier inzwischen mit Unterstützung deutscher und europäischer Geber in Projekten für von Krisen betroffene Menschen weltweit. In Deutschland selbst führt IRC in allen Bundesländern Programme zur Integration schutzsuchender Menschen in den Bereichen Bildung, wirtschaftliche Integration sowie Schutz und Teilhabe durch. Weitere Informationen unter: https://de.rescue.org/

 

Die Klaus Tschira Stiftung

Die Klaus Tschira Stiftung (KTS) fördert Naturwissenschaften, Mathematik und Informatik und möchte zur Wertschätzung dieser Fächer beitragen. Sie wurde 1995 von dem Physiker und SAP-Mitgründer Klaus Tschira (1940–2015) mit privaten Mitteln ins Leben gerufen. Ihre drei Förderschwerpunkte sind: Bildung, Forschung und Wissenschaftskommunikation. Das bundesweite Engagement beginnt im Kindergarten und setzt sich in Schulen, Hochschulen und Forschungseinrichtungen fort. Die Stiftung setzt sich für den Dialog zwischen Wissenschaft und Gesellschaft ein. Weitere Informationen unter: www.klaus-tschira-stiftung.de