14. Februar 2019

Beate Spiegel und Udo Tschira zur Verleihung des Dresden-Preis an Kim Phuc Phan Thi

Dresden/Heidelberg. Mit dem Internationalen Friedenspreis „Dresden-Preis“ wurde am 11. Februar in der Semperoper das Napalm-Opfer geehrt, dessen Foto zu einem Symbol der Grausamkeit des Krieges wurde: Als Mädchen wurde Kim Phuc Phan Thi im Vietnamkrieg 1972 durch einen Napalm-Angriff großflächig verbrannt. Heute ist sie als Friedensbotschafterin in aller Welt tätig. Gestiftet wurde die Auszeichnung zum zehnten Mal von der Klaus Tschira Stiftung (mehr zur Medienresonanz unter www.dresdner-friedenspreis.de). Das Grußwort von Beate Spiegel und Udo Tschira (Geschäftsführung KTS) hier im Wortlaut:

Beate Spiegel: Liebe Kim Phuc Phan Thi, liebe ehemalige Preisträger und Laudatoren, sehr geehrte Damen und Herren, heute ist es das zehnte Mal, dass ich die Verleihung des Internationalen Friedenspreises besuche. Es ist allerdings das erste Mal, dass ich hier auf der Bühne stehe. Ich erinnere mich noch sehr gut an die Vorbereitung der ersten Veranstaltung – und wie aufgeregt alle waren, ob das Konzept greifen würde.

Verleihung des Dresdner Friedenspreises an Kim Phuc Phan Thi am 11. Februar 2019 in der Semperoper in Dresden. Foto: Oliver Killig

Auch die Klaus Tschira Stiftung vergibt seit vielen Jahren einen Preis, den KlarText-Preis für Wissenschaftskommunikation und ehrt damit junge Forscherinnen und Forscher, die das Thema ihrer Doktorarbeit hervorragend allgemeinverständlich beschreiben können. Mit Preisverleihungen kennen wir uns daher aus.

Welche Herausforderungen gab es bei diesem neuen Preis, dem Dresden-Preis? Zunächst einmal mussten natürlich würdige Preisträgerinnen und Preisträger gefunden werden. Und diese wurden wahrlich gefunden: Ganz besondere Menschen wurden in den vergangenen zehn Jahren hier geehrt: Politiker, Sportler, Musiker – alle in ihrem Bereich engagiert für den Frieden. Alle versöhnlich, was erlebtes Unrecht angeht, aber auch klar in der Haltung, was bestehende Ungerechtigkeit angeht.

Darüber hinaus wollten die Initiatoren aber auch interessierten Menschen die Möglichkeit geben, die Preisverleihung mitzuerleben. Von dieser Feier für den Frieden sollte ein ebensolches Signal in die Stadt und in die Welt gesandt werden: Dresden ist eine Stadt des Friedens.

Ich selbst habe oft auf dem Weg zur Semperoper die Stimmung in der Stadt – geprägt durch Demonstrationen und Polizeipräsenz – als bedrückend empfunden. Umso schöner war und ist es, diese Atmosphäre hier in der Semperoper zu erleben als eine Art Kontrapunkt – dem Anlass entsprechend immer feierlich, und hin und wieder sogar mit Tanz.

Udo Tschira: Liebe Ehren- und Festgäste, ich habe schon viel über die Verleihung gehört, aber tatsächlich bin ich heute das erste Mal dabei. Sie werden sich vielleicht fragen, warum gerade die Klaus Tschira Stiftung den Friedenspreis seit zehn Jahren unterstützt.

Udo Tschira und Beate Spiegel bei ihrem Grußwort. Foto: Oliver Killig

Die Stiftung, die mein Vater vor über zwanzig Jahren ins Leben gerufen hat, ist ja als Wissenschaftsstiftung bekannt. Wir fördern Naturwissenschaften, Mathematik und Informatik. Wir unterstützen Bildungsprojekte, Forschungsvorhaben und die Kommunikation zwischen Wissenschaft und Gesellschaft. Wo ist die Verbindung zwischen der Klaus Tschira Stiftung und dem Verein Friends of Dresden Deutschland?

Beate Spiegel: Der Kontakt kam durch Günter Blobel zustande, den leider im letzten Jahr verstorbenen Medizin-Nobelpreisträger. Günter Blobel und Klaus Tschira kannten sich gut und trafen sich bei verschiedenen Gelegenheiten. Vor über zehn Jahren bat Günter Blobel in Heidelberg, wo unsere Stiftung ihren Sitz hat, um Unterstützung für einen Preis, der in Dresden vergeben werden sollte. Von dieser Stadt, die unter dem Zweiten Weltkrieg so sehr gelitten hatte, sollte ein Zeichen des Friedens ausgehen. Und es sollten die Menschen geehrt werden, die sich bis heute für ein friedliches Zusammenleben einsetzen. Das Konzept war stimmig. Doch warum, könnte man fragen, sollte eine Stiftung, die sich der Förderung von Naturwissenschaften, Mathematik und Informatik verschrieben hat, einen Friedenspreis und die dazugehörige Organisation unterstützen? Was haben Naturwissenschaften mit dem mutigen Eingreifen Einzelner zu tun, dann, wenn Intoleranz und Unmenschlichkeit herrschen?

Udo Tschira:
Mit der Förderung des Internationalen Friedenspreises seit seiner ersten Verleihung bis heute hat die Klaus Tschira Stiftung ein Zeichen gesetzt: Dafür, dass auch die Wissenschaft die besten Früchte zum Wohle aller hervorbringt, wenn Frieden zwischen den Menschen herrscht. Wenn Forschende aus aller Welt zusammenarbeiten und –leben können, ohne dass sie Angst um sich und ihre Familien haben müssen. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler schaffen sogar oft die ersten Brücken in ein anderes Land: Weil sie über Ländergrenzen hinweg gemeinsam an einem wissenschaftlichen Projekt arbeiten. Weil dabei nicht die Hautfarbe, die Religion oder das Geschlecht der anderen zählen – sondern allein die Sachkenntnis, der Forschergeist und der Wille zur Zusammenarbeit.

Beate Spiegel:
Um diese Kommunikation zu fördern hat die Klaus Tschira Stiftung ein internationales Treffen der weltbesten Mathematiker und Informatiker ins Leben gerufen. Beim Heidelberg Laureate Forum treffen diese Koryphäen jährlich auf Nachwuchswissenschaftler aus aller Welt. Menschen aus 60 Ländern tauschen sich aus, lernen voneinander und lassen sich inspirieren. Dabei geht es um Wissenschaft, aber auch um Themen, die uns alle jetzt und in Zukunft betreffen: etwa um Chancen und Risiken der Künstlichen Intelligenz. Hier zeigt sich besonders deutlich, dass Wissenschaft mitten in der Gesellschaft stattfindet. Und wie wichtig es ist, dass Menschen mit Sachverstand diskutieren, die aus verschiedenen Kulturen und Gesellschaften stammen.

Udo Tschira:
Wissenschaft gedeiht in Friedenszeiten und leidet, wenn Städte bombardiert und Menschen schutzlos werden. Die Klaus Tschira Stiftung unterstützt daher auch Forscher, die Schutz in Deutschland suchen, weil ihnen in ihren Heimatländern Krieg oder Verfolgung drohen. Wir gehören zum Kreis der Förderer der sogenannten Philipp Schwartz-Initiative. Mit diesen Mitteln erhalten Hochschulen und Forschungseinrichtungen in Deutschland die Möglichkeit, gefährdete Forschende im Rahmen eines Stipendiums für 24 Monate aufzunehmen. Bisher haben Wissenschaftler aus Syrien, der Türkei, dem Irak, Burundi, Jemen, Libyen, Pakistan, Sudan, Tadschikistan und Usbekistan durch diese Initiative die Möglichkeit, an ausgezeichneten Institutionen in Deutschland zu forschen.

Beate Spiegel:
Die Klaus Tschira Stiftung engagiert sich nicht nur im Bereich Wissenschaftskommunikation und Forschung, sondern auch ganz stark im Bildungsbereich. Und auch hier gilt selbstverständlich: Der Kopf ist nur bereit für neues Wissen, wenn die Seele Frieden findet. Seit kurzem fördern wir daher auch ein Projekt in Berufsschulen. „Healing classrooms“ heißt es – übersetzt etwa „Heilendes Klassenzimmer“. Dabei lernen Lehrkräfte neue Möglichkeiten kennen, wie sie durch Krieg traumatisierte Schülerinnen und Schüler in ihrem Wohlbefinden unterstützen und in ihrer sozialen und emotionalen Kompetenz fördern können. Denn ohne das, ist kein Lernerfolg möglich – weder beim Sprachenlernen, noch in den Naturwissenschaften oder in der Mathematik.

Udo Tschira:
Dies sind nur einige Beispiele, die unsere Antwort auf die eingangs gestellte Frage veranschaulichen. Wissenschaft gedeiht am besten in Frieden und Wissenschaft sollte dazu beitragen, Frieden zu schaffen. Deshalb engagiert sich die Klaus Tschira Stiftung seit einem Jahrzehnt und weiterhin für die Verleihung des Internationalen Friedenspreises.